Brötchen vom Schreiner?

Aktualisiert am 18. September 2013

In unserem Job werden wir immer wieder mit Kunden konfrontiert, für die der Arbeitsaufwand zur Umsetzung eines Webdesign-Projekts nicht so recht nachvollziehbar oder einzuschätzen ist. Nachdem wir Aufklärungsarbeit geleistet und die Arbeitsschritte erklärt haben, ändert sich das – zumindest in den meisten Fällen. Ich selbst versuche (je nach Kunde) schon ‚mal mit Bildern aus dem Handwerk zu arbeiten und Vergleiche mit Dachdeckern oder Automechanikern zu bemühen. Das hilft nicht immer, häufig schaut man auch danach noch in verständnislose Gesichter.

Wohl mit ein Grund dafür ist, dass man sich als Web- und/oder Werbeagentur mit einer Vielzahl an Konkurrenz aus dem „Feierabendbereich“ konfrontiert sieht – auch und gerade im Bereich Webdesign. Wenn ein interessierter Kunde von einem Nachbarn oder Bekannten gesagt bekommt, dass er die neue Website für seinen Betrieb auch abends nach Feierabend umsetzen kann, verliert der Kunde die Wertschätzung für die professionelle Arbeit. Er käme nie auf die Idee, sein Dach von seinem Nachbarn nach Feierabend eindecken zu lassen. Da würde er wohl denken: „Hat er das gelernt? Ich will ja, dass es gut wird und nicht rein regnet.“ – und glauben Sie mir, ich kenne so einige (neue!) Webseiten im Netz auf denen es rein regnet.

Oder die Kunden selbst wundern sich über den zu leistenden finanziellen Aufwand, nach dem Motto, „Ich habe ‚mal vor Jahren eine Website mit Frontpage für unseren Verein zusammen geklickt, das war nicht viel Arbeit!“. Das Bewusstsein für die Veränderungen im Netz und vor allem die nötigen technischen und gestalterischen Anforderungen, heute eine Website wettbewerbsfähig umzusetzen, fehlt völlig.

Als professioneller Dienstleister wundert man sich auch über Einzelunternehmer, die Fotografie, Webdesign, Printdesign und IT-Support als Einzelperson anbieten. Auch wenn diese Gebiete auf den ersten Blick einige thematische Überschneidungen haben, sind sie doch sehr unterschiedlich. Der Vergleich hinkt zwar ein wenig, aber um bei den sprechenden Bilder zu bleiben, wäre das so, als ob man beim Schreiner auch seine Brötchen einkauft und sich gegen Abend bei ihm noch einen Zahn ziehen lässt. Wenn man hier nicht Spezialisten im eigenen Team hat oder auf ein Netzwerk professioneller Dienstleister zurückgreifen kann, bleibt logischerweise Qualität auf der Strecke. Einem interessierten Kunden dies zu vermitteln, ohne den Eindruck zu erwecken man sei ein aufdringlicher Verkäufer, ist nicht gerade eine leichte Aufgabe. Solche Überzeugungsarbeit macht auch nicht immer Spaß und ist auf Dauer sehr ermüdend. Ein Zahnarzt will seinem Patienten auch nicht ständig erklären müssen, dass besser er und nicht der Zahntechniker die Wurzelbehandlung durchführt. Der Zahntechniker ist eben auf seinem Gebiet ein Profi, so wie der Zahnarzt auch.

Das virtuelle Handwerk Webdesign ist scheinbar immer noch zu neu am Markt. Manche Menschen können schlecht ermessen, dass Webdesigner für ein professionelles Ergebnis sowohl Kreativität als auch technisches Know-How mitbringen müssen, und man eine professionelle Website nicht mal gerade so eben aus dem Ärmel schüttelt. Hinzu kommt ein abgeschlossenes Studium und/oder Ausbildung und ständige Weiterbildung.

Für eine neue Heizung ist es eben scheinbar akzeptabel, dass man rund 15.000 € auf den Tisch legt. Wenn eine Website über 1500,- € kostet, wird verständnislos abgewunken. Obwohl die Website mittlerweile zum wichtigsten Modul der Außendarstellung eines Unternehmens geworden ist. Ob es nur daran liegt, dass man sie nicht anfassen kann? Es ist wohl eher die Abstraktheit und die mangelnde Nachvollziehbarkeit unserer Arbeit, die eine Vermittlung des nötigen Aufwands so schwierig macht.

Die verschiedenen Aspekte bei der Umsetzung wie konzeptuelle und strukturelle Arbeiten, Responsivität, ansprechende Gestaltung und Usability, Barrierefreiheit, Codequalität, Zugänglichkeit für Suchmaschinen und nicht zu vergessen, eine Menge Fleißarbeit sind einem Laien verbal schwer zu vermitteln. Der Kunde sieht am Ende eine Ansammlung von gestalteten Seiten, die miteinander verbunden sind. „So was hat er ja schon ‚mal in Word gemacht“. Ein Zimmermann, der für 20.000 € oder mehr einen Dachstuhl zusammenbaut, hat bei der Vermittlung seiner Kosten und des Aufwands weitaus weniger Probleme. Erst wenn Kunden zu uns kommen, die mit einem Billigangebot schlechte Erfahrungen gemacht haben und „nun endlich einmal etwas anständiges haben möchten“, kann man auf mehr Verständnis hoffen.

All‘ das gilt natürlich nicht für alle Kunden. Größere Unternehmen, vor allem aus dem IT-Bereich, haben den nötigen Background, um unsere Arbeit und den entstehenden Aufwand bei der Umsetzung einer professionellen Website besser einschätzen und nachvollziehen zu können. Aber auch kleinere Firmen wie z.B. Weingüter oder auch Schulen legen immer mehr Wert auf eine professionelle Außendarstellung, angefangen beim Logo, über ansprechendes Printmaterial bis hin zu einer repräsentativen Website. Dieser Wandel lässt hoffen, dass wir auch im ländlichen, eher strukturschwachen Raum die Weblandschaft des letzten Jahrzehnts hinter uns lassen und qualitativ aufholen.

Vor ein paar Tagen bin ich im Netz über einen Cartoon von Avian Anderson gestolpert, der schön zusammenfasst, worum es mir bei diesem Thema geht.

Die Tücken unseres Jobs

1 Kommentar

  1. ein Mann kommt zu einem sehr bekannten Maler und möchte von sich ein Portrait gemalt haben. Schon nach einer halben Stunde ist der Maler damit fertig. „Gefällt es Ihnen?“ „Ja sehr, was bekommen sie dafür? „10000 Euro“ sagt der Maler. Ungläubig stammelt der Mann, „Was, so viel Geld für eine halbe Stunde?“ Der Maler erwidert, „Aber bedenken sie, wie lange ich gelernt habe, bis ich das so schnell konnte.“

    Vielleicht vergleichbar mit den Ausführungen, s.O.

Schreibe einen Kommentar